Der triebhafte Drang

Mit Schreibmaschine, Schere, Kopierer und Prittstift haben wir damals angefangen eigene Fanzines zu publizieren. Zu den Inhalten zählten Interviews mit Bands, Szeneaktivisten sehr viele Konzertberichte und Plattenreviews (wovon wir uns die meisten Platten selber zulegten und dann abfeierten da wir sie ja teuer bezahlt hatten). Ich glaube das erste Fanzine kam recht fix nach unserer ersten Bandgründung. Es musste ja eine eigene Plattform her. Da wir sehr schlecht waren wollte nämlich keiner über uns schreiben. Heute wird ja schon vor der ersten Bandprobe Merchandising gestylt, ne Facebook Seite erstellt und ein Bandshooting organisiert. Wir haben den Proberaum die ersten sechs Monate als Kneipe zweckentfremdet, ein paar Gitarren kleingestellt und ordentlich gekifft.

Frauen kannten wir keine, also gab es für uns nur Drugs & Rock´n Roll. Da wir aber auch mal ein wissen wollten ob die Sarah wirklich so gut ausgestattet war wie es der weite Pulli vermuten liessen, war klar: Wir mussten jetzt auch mal musizieren. Unser erstes Demotape verschickten wir an ca. 10 Fanzines zur Besprechung. Wir nahmen uns die Kritik zu Herzen. Das zweite Demotape verschaffte uns einen Plattenvertrag der sich als Vollkatastrophe heraustellte. Wir wurden abgezockt. Was aber toll war: Wir haben Feedback bekommen in Form von Reviews und Konzertanfragen aus ganz Deutschland. Diese Misere führte dazu dass ich die Schnauze voll hatte von der Musik und eine ganze Zeit war nur malochen angesagt. Wenn man malocht hat man Geld und damit habe ich mir nach diversen Vinyl und Gitarren Kaufanfällen einen PC gekauft. Man war das ein Werkzeug ! Musik hören, , Bilder bearbeiten, schreiben, Plattensammlung archivieren. Ich fands richtig geil und entwickelte mich sehr schnell zum Nerd. Mein Freund Jan hatte dann mit einem 14.4er Modem den ersten Dialup im Dorf am Start und ich kam nicht mehr klar.

Internet ! Wie hab ich das nur ohne dich ausgehalten? Einen Monat später habe ich HTML gelernt und die erste Seite online gehabt. Das erste Konzept eines quasi Onlinemagazin / Portals(Ohne dass ich dass bedacht habe): Ich habe meine Lieblingssongs von alten und seltene Platten digitalisiert und diese auf einer privaten (auf meinen Namen registrierten) Website zum download zur Verfügung gestellt. Hallo Musikpiraten. Hallo relevanter Content. https://web.archive.org/web/20010201051400/http://oldschoolbaby.de/

Das war die Übergangszeit von 33.6er Modems auf 56k Geräte. Das Feedback per Mail und die Requests haben mir sehr gut gefallen. Ich hatte Kontakt zu vielen Leuten in der ganzen Welt und habe Mp3s getauscht. Music makes the world go round. Vor Napster, Morpheus, Kazaa, Emule und auch Itunes oder Spotify. Talking about Early Adopters. Die Seite hatte recht hohen Traffic. Ich habe diese aber nach einiger Zeit eingestampft da auch mich die Horrormeldungen von Hausdurchsuchungen und Software Piraterie erreichen. Ich glaubte anfangs ja nicht dass sich jemand grossartig für die paar Mp3´s interessierte. Mehr als 10.000 Downloads pro Monat belehrten mich eines besseren und es hat mir ein bischen Angst gemacht.

Zu der Zeit habe ich mich aber auch wieder mit dem Skateboard beschäftigt dass jahrelang in der Ecke stand und nur ganz selten mal zum cruisen ausgepackt wurde. Skatevideos fand ich schon immer grossartig. Zeigten diese uns doch unsere grossen Helden in Übersee zu der coolsten und angesagtesten Mucke. Schon damals machten Skatevideosongs auf MC gebannt die Runde und es wurden die Credits / Abspänne mitgeschrieben um dann zu schauen wo man den heissen Scheiss auftreiben konnte für den nächsten Sampler. (Mit dem aufkommen der Filesharing Dienste war dann das Thema auch endgültig beendet. Es gab die allerneusten Videos zum Download noch vor Release. Hashtag IRC sag ich nur. Was da abging war wahnsinn).

Über einen Kumpel habe ich Zugang zu einer Videokamera bekommen. Zu der Zeit war Digitalvideo am kommen und ich hatte dann auch recht fix eine eigene digitale Videokamera am Start. Über einige verwirrende Umwege und Jahre später habe ich dann mit 23 Jahren meine erste Fernsehsendung für MTV produziert. Wenig später stand ich dann vor Aufgaben wie das Vainstream Festival aufzuzeichnen, Events & Livegigs für Converse zu dokumentieren, Video Content Strategien zu entwickeln , Unternehmensfilme zu drehen und andere schöne Dinge mit bewegten Bildern auszutüfteln. Mein Ausbildungsberuf heisst offz. „Mediengestalter für Digital und Printmedien Fachrichtung Mediendesign“. Gelernt habe ich in dem Laden aber wohl eher Fotografie und Druckproduktion. Die Faszination für Prozessketten in der Herstellung eine Produkts hat mich bis heute nicht losgelassen und die vielen technischen Variablen innerhalb Filmproduktionen lassen meine Augen leuchten.

Die komplette Videogeschichte habe ich mir nebenher selber unter die Sohlen genagelt, quasi neben der Ausbildung noch eine zweite Fachrichtung selber gelernt. Für mich als hyperaktives Kind war das genau richtig. Was aber das allerwichtigste ist: Ich weiss einfach zu 100 % dass ich der geborene Producer bin durch meine tiefe DIY Überzeugung. Diese Philosophie ist fest in unserer Piratelove DNA verankert und es ist das schützenswerteste was wir an Wert in der Company haben. Diesen Wert präge nicht nur ich. Dieser Wert wird von allen getragen, denn alle haben einen DIY Hintergrund, alle haben selber Ihre Dinge am Laufen gehabt oder auch noch teilweise am laufen, der eine hat früher mit 2 Videorekordern Videosampler von Chaostagen und Ausschreitungen mit Punk Mucke unterlegt, der andere war DJ und hat die ersten Technoparty in Münster organisiert, wieder andere haben in Bands gespielt, haben Filme gedreht, fotografiert, betreiben gemeinnützige Vereine oder haben einfach ihre eigene Klamottenfirma. Jede Person wurde durch andere Geschichten dazu berufen in unserem Netzwerk Filme und Content zu produzieren. Aber der Ursprung dieser Berufung ist ist immer der triebhafte Drang etwas zu produzieren. Es ist in unserem Blut.

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